just my 2¢
Spanische Grippe
Am 6. Mai 2010 beschloss der Deutsche Bundestag den deutschen Anteil am 110 Mrd. € Griechenland-Rettungs-Paket der EU. Über dieses Paket wurde zuvor lang und breit berichtet, gestritten, angekündigt. Einen Tag später, am 7. Mai 2010, trafen sich die EU-Finanzminister in Brüssel zu ihrer Euro-Sitzung. Dabei ging es dann um nicht weniger, als den Fortbestand des Euro. Um die Dringlichkeit deutlich zu machen, wurde in der Presse kolportiert, es sei ausschlaggebend, dass noch vor Montag Nacht – bevor die Börsen in Asien öffnen – ein Paket geschnürt und Einigung erzielt werden muss.
Es kam mir an dem Freitag und den Tagen danach spanisch vor, was hier passierte. Warum bedurfte es plötzlich eines noch größeren Rettungspaketes? Was war passiert, dass diese Eile geboten war und die Einigung noch vor dem Börsenstart am Montag erfolgen musste? Was wußte die Bundesregierung schon am Donnerstag? Und warum zum Geier nahm die gestandene Presse die Erklärungen ungefragt hin? Warum fragte kein Journalist nach dem »Warum«, nach dem »Was ist denn seit gestern passiert«?
Klar war nur, es mußte etwas außergewöhnliches passiert sein, dass Sarkozy seine Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 8. Mai in Moskau absagte und stattdessen in Brüsel blieb.
Am Montag wurde sehr klar, dass es mal wieder kurz vor 12 war. Am Freitag trocknete der Markt für europäische – besonders französische – Staatsanleihen aus. Nur noch deutsche Staatsanleihen waren noch am Markt liquide. Telebörse berichtete am Montag:
Nachdem in den vergangenen Wochen lediglich die bekannten Schuldenprobleme Griechenlands die Debatte bestimmt hatten, schien vergangene Woche das historische Projekt des Euro in Gefahr. Vor dem Euro-Gipfel der Staats- und Regierungschefs am Freitag in Brüssel eskalierte die Lage und zwang die EZB zum Eingreifen. »Plötzlich waren nur noch deutsche Bundesanleihen liquide, noch nicht einmal mehr gute französische Staatstitel«, erklärt ein Euro-Notenbanker die Zwangslage. »Es musste gehandelt werden – ohne Rücksicht auf Verluste.«
(Quelle: Teleboerse)
An anderer Stelle wurde in der Woche d’rauf gemunkelt, es gäbe Indizien, die dafür sprächen, dass Frankreich nicht nur sein Rating verlöre, sondern gar um zwei Bonitätsnoten herunter gestuft werden solle.
Französische Banken halten insg. 911 Mrd. € in den PIIGS-Staaten. Davon sind gerade einmal 75 Mrd. € in griechische Bonds investiert – also recht wenig. Geriete nun ein Land ins Straucheln, dessen Verschuldung weit über dem griechischen Staatsdefizit liegt und dessen Banken wirkliche Risiken für die Grand Nation darstellen, könnte es für Frankreich, immerhin die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, eng werden.
An diesem Wochenende nun mußte in Spanien die Sparkasse ›Caja Sur‹ verstaatlicht werden, um sie ›in letzer Minute‹ vor dem Bankrott zu retten. Außerdem wollen die Sparkassen Cajastur, Caja de Ahorros del Mediterraneo, Caja Extremadura und Caja Cantabria fusionieren. Es scheint, als begänne die spanische Immobilienblase zu platzen. Schon 2007 schrieb die FAZ unter dem Titel »Alarmstufe rot in Spanien?«:
Die Verschuldung der spanischen Haushalte hat sich nach OECD-Daten von 1995 bis 2004 fast verdoppelt auf 103 Prozent des Haushaltseinkommens – und ist seither weiter gestiegen. Sehr viel dieses Geldes steckt in Immobilien. Ein möglicher Einbruch des Immobilienmarktes ist deshalb auch das größte Risiko für Spaniens Wirtschaft, das Experten derzeit sehen.
Etwa 86 Prozent des Vermögens spanischer Haushalte steckt in Immobilien. Dazu kommt, dass 97 Prozent der Hypotheken an die Entwicklung des einjährigen Zinses gekoppelt sind – die Haushalte sind also extremen Zinsrisiken ausgesetzt. Der Schuldendienst für das eigene Haus macht inzwischen fast 30 Prozent des frei verfügbaren Einkommens aus.
(Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Eine Finanzkrise und Rezession später sieht es mit den öffenltichen Finanzen sicher nicht besser in Spanien aus – im Gegenteil. Hinzu kommt eine Arbeitslosigkeit von 20%. Spanien belegte letztes Jahr im Elendsindex den letzten Platz unter den €-Staaten. Griechenland kam auf Platz 12. Spanien hat, im Gegensatz zu Griechenland, aufgrund seiner volkswirtschaftlichen Größe und der Höhe seiner öffentlichen und privaten Verschuldung durchaus das Zeug dazu, systemisch zu sein. Die ›spanische Grippe‹ hat das Zeug dazu, Frankreichs Bonitätsnoten zu ruinieren. Und dieser Fakt wiederrum hat das Zeug dazu, den Euro ins Aus zu bugsieren.
Unter dem Eindruck der Entwicklungen vom Wochenende ergibt die Hauruck-Aktion der €-Finanzminister von vor zwei Wochen Sinn. Noch wollen der 1000 Punkte Absturz an der Wallstreet und das plötzliche und nicht zu erwartende Verbot von Leerverkäufen in Deutschland nicht so richtig ins Bild passen. Aber es wird sicher nur ein paar Tage oder Wochen dauern und auch dann fügen sich diese beiden Ereignisse in ein Gesamtbild, bei dessen Anblick einem schlecht werden kann.
Jedoch, über alledem schweben für mich folgende Fragen: Was wußte Merkel wann? Was wußte Schäuble wann? Was wußte die Bundesregierung wann?
| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Alex am 25. Mai 2010 um 16:03 veröffentlicht und unter Wirtschaft abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Du kannst eine Antwort schreiben oder einen Trackback von deiner eigenen Seite hinterlassen. |